Knisternde Spannung im Klassikkonzert. Seitdem höre ich ganz anders zu. Aber von vorne: Der Konzertveranstalter hat vor dem Saaleingang Schalen mit Hustenbonbons platziert. Eine nette Idee, da greift man gerne zu. Später in der Sinfonie ist mein Bonbon längst weggelutscht und vergessen. An einer leisen Stelle, die nach zehenspitziger Spannung klingt, beginnt ein Bonbonpapier hinter mir zögernd zu knistern. Wie im Mitmachkonzert, wo bei leisem Dirigat leise gespielt werden soll. Knis-… zwei Sekunden -ter! Fünf Sekunden knis-… ter! Knis-… vier Sekunden.
Ich sinne darüber nach, dass Bonbonpapier durchdringend hohe Geräuschfrequenzen absondert. Hört die übernächste Reihe die noch? Die Spannung zwischen den einzelnen Knistergeräuschen hat Performance-Charakter. Schon vorbei, das Orchester spielt lauter und auf eine Art furchteinflößend, woraufhin die Knistergeräusche wie ertappt verstummen. Vielleicht ist das Bonbon schon im Mund gelandet. Jedenfalls ist Ruhe hinter mir und scheinbar konzentrieren sich alle auf die nächste leise Stelle. Es funktioniert! Scheinbar, denn der nächste Satz beginnt leise, und prompt wird das Bonbonpapier nun langsam zusammengeknüllt.
Wie gesagt, es hat mein Hören verändert. Die fragile Spannung eines unverstärkt gespielten Klassikkonzertes beinhaltet menschengemachte Geräusche. Ach, egal, ich genieße jeden Klang, mit welchen Kombinationen er auch immer erzeugt wird. Schließlich sitzen wir alle zusammen im Konzertsaal und erleben die Musik – zusammen!
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